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Am Karfreitag wird es hier religiös

Essen ist nur Essen

Ernährung
ist heute Religion, das hat sich herumgesprochen. Eifrig wird darüber diskutiert
und geschrieben. Vor allem ein gewisser Fanatismus, der mit manchen
Ernährungsformen einhergeht, macht sich wohl verdächtig. Wer sich selbst als Veganer
darstellt, muss damit rechnen, aus dem Diskutieren nicht mehr rauszukommen. Und
selbst wer keinen einzigen Veganer persönlich kennt (bisher habe ich noch nie
einen Veganer getroffen), hat schon über dieses Thema gesprochen und kennt die unterschiedlichen
Standpunkte. Veganer sind sich ihrer Sache oft sehr sicher. Sie verzichten auf
Lebensqualität, um die Welt zu verbessern und viele von ihnen haben einen
gewissen Missionsdrang. Dieses Verhalten wird von einigen Menschen als
„fanatisch“ oder „religiös“ empfunden. Also stehen sie in
der ersten Reihe, wenn es darum geht, einen Stempel als Anhänger einer „Ersatzreligion“
verpasst zu bekommen.

Veganer als Paradebeispiel

Dass sich
gerade an den Veganern so die Gemüter erhitzen, hat auch mit deren moralischen
Ansprüchen zu tun. Immerhin haben viele von ihnen das ökologische Gleichgewicht
der Erde im Sinn, wenn sie ein Tofuschnitzel zum Mund führen. Genau das ist für manch einen
Fleischesser nicht zu ertragen, denn er fühlt sich unter Druck gesetzt. „Der
Veganer soll mal bloß nicht glauben, dass er ein besserer Mensch ist, nur weil
er zugunsten des Planeten auf alles verzichtet, was Spaß macht!“
An dieser
Stelle kann man erkennen, wie weit die Diskussion inzwischen fortgeschritten
ist, denn die Auseinandersetzung mit der Moral der Veganer geht nun einen
Schritt weiter.

Einerseits rudern viele Veganer zurück und verweisen darauf,
dass sie rein aus persönlichen Gründen, wie etwa Gesundheit, auf tierische
Produkte verzichten. Auf diese Weise setzen sie die Allesfresser nicht so sehr
unter Druck. Manch einer fühlt sich unter dieser Prämisse sogar eingeladen, den
veganen Lebensstil selbst eine Weile auszuprobieren und man darf wohl auch den Erfolg gewisser Buchautoren genau dieser Haltung zuschreiben.

Andererseits werden viele
Nichtveganer ein bisschen patzig, indem sie darauf hinweisen, dass sie den
moralischen Rittberger ganz easy beherrschen, ohne dabei blass und unlustig zu
werden. „Pah! Vegan esse ich ganz oft aus purer Lust und einfach so nebenbei! Ich
bin so natural-born vegan, dass ich oft nicht einmal merke, wie vegan ich
überhaupt esse!“

Der Teufel hat den Zucker gemacht

Doch ohne
das absolut Böse macht eine schöne Religion keinen Sinn. Man muss dafür noch
nicht mal Veganer werden. Wer Freudlosigkeit gerne mit Satansaustreibung
verbinden möchte, findet leicht eine geeignetere Konfession. Meiner Meinung nach
sind die Low-carb-Jünger da ganz nah dran. Die Kohlenhydrat-Verweigerer wissen genau,
wer für alle Schlechtigkeit der Welt verantwortlich ist. Der Zucker ist schuld!
Er ist böse und verführt unsere Kinder! Böse Mächte stecken dahinter! Verschwörung
und Industrie! Alle Krankheiten dieser Welt hängen am Zucker! Und wer ist
schuld, dass uns die Jeans vom letzten Jahr nicht mehr passt? – Na, also!

 

Im Grunde
wär das alles ganz amüsant, wenn man solche Phänomene einfach als
Randerscheinungen betrachten könnte. Dann wären die Zuckerverweigerer und
Tierverweigerer einfach putzige Exzentriker, die ihre persönlichen
Freiheiten ausleben. Doch in Wahrheit handelt es sich um die Pop-Stars unter
den Ernährungsreligionen, die alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die breite
Masse, die jeden Tag satt werden muss, legt sich ihren eigenen Katechismus
zurecht.

Orthodoxie nicht nur für Spinner

Frei von
Labels wie Vegan zu sein, bedeutet noch lange nicht, sich von jeder
Ernährungsreligion freizumachen. Wenn es anders wäre, dann gingen die kochenden
und essenden Menschen anders miteinander um. Nicht das einzig wahre
Originalrezept gekocht? Sahne an der Carbonara?
Das falsche Produkt, das
fehlende Bio-Label oder gar nicht selbstgekocht, – die Liste der Tretminen ist
endlos und darüber zu stolpern wird keinesfalls immer nur als Patzer angesehen.
Mir hat mal einer die Facebookfreundschaft gekündigt, weil meine Pasta nicht
frisch ausgewalzt war. Wer mit Treibhaustomaten aus Spanien erwischt wird, darf
sich gerne die Schuld für den Weltuntergang zuschreiben lassen, und zwar ganz
allein und höchst persönlich! 

Umgekehrt ist das kochende Internet voll von
Menschen, die höchste Glückseligkeit versprechen, wenn man nur sein Kartoffelpüree
selber stampft und Fertigprodukte meidet. Das Missionieren haben die Kirchen
vielleicht erfunden, aber als Konzept hat es sich längst auch bei Hobbyköchen
durchgesetzt.

Aber nicht
nur das. Letztlich muss man keiner Fraktion oder Gruppe angehören, um Ernährung
zur Religion zu machen. Im Essen sehen wir, was gut für uns ist. Wir
unterscheiden ganz klar zwischen Gut und Böse und wir übertragen diese
Eigenschaften auf uns selbst. Dazu kommt das Heilsversprechen für eine ferne
Zukunft, von der niemand weiß, wann sie stattfindet. Mit der einzig wahren Ernährung
werden wir später sehr gesund sein. Wenn wir uns jetzt kasteien, dann wird uns
ewiges Leben beschert. An was erinnert mich das nur?

Während die
Bio-, Regional- und Selberkocherfraktion immer leicht die Schweißperlen auf der
Stirn hat, wenn es um das Anwerben neuer Mitglieder geht, macht sich die Industrie
unsere Heilssuche in der Ernährung zu nutze. In Sachen Werbung macht den Profis sowieso keiner was vor, und das bereits seit Jahrzehnten. Wer will schon in der
Bibel lesen, wenn er fernsehen kann? Werbung kann so unwahrscheinlich echt und
glaubwürdig rüberkommen, dass man gar nicht merkt, wie sie ein Menschenleben
lang das Gehirn versifft. Das eine wahre Produkt, von dem ich mich nie trennen
werde, – gut dass ich immer wieder daran erinnert werde! Und es ist ja auch
wahr, selbst meine Großeltern haben das schon gegessen.
Da werden
Kindheitserinnerungen wach, wenn man es nur oft genug wiederholt und die Kanäle
ein bisschen anpasst.

Die direkte Verbindung zu Gott

Das mutet
zunächst nicht religiös an und auf manch einen mag der ganze Konsumzirkus
vollkommen ideologiefrei und wenig spirituell wirken. Doch auch das machen sich
unterschiedliche Branchen zu Nutze. Ganz plump und vordergründig geht das mit
Produkten, die Gesundheit und Schlankheit versprechen. Aber es geht auch eine
Spur subtiler. Indem man es schafft, Conveniencefood mit der Eigenschaft „besser
als Frisch“ zu versehen. Die Technik ist ganz einfach zu erklären. Man
muss nur Werbebotschaften stetig widerholen. Und es schadet nicht, wenn man
Experten und Labors auf seiner Seite hat. Das ist ungefähr so, wie die direkte
Verbindung zu Gott. 

Auf diese Weise konnte uns zum Beispiel die
Lebensmittelindustrie eintrichtern, tiefgekühlter Spinat sei besser als
frischer Spinat. Angeblich wird der Spinat nach der Ernte sofort eingefroren
und bleibt dadurch viel frischer als der Spinat, der zunächst in den
Supermarkt transportiert werden muss und dann dort auf Käufer wartet. Außerdem
gibt es natürlich Hohepriester, die in ihren Labors festgestellt haben, dass
TK-Spinat viel mehr Vitamine enthält, als Spinat aus dem Gemüseregal. Diese
Weisheiten wurden uns so lange eingebläut, bis sie wirklich jeder gefressen
hatte. Wer möchte so was schon nachprüfen?

Gründonnerstag gibt es Spinat

Und nun? In
der Karwoche kann man ruhig mal etwas Einfaches essen und sich dafür etwas mehr
Mühe geben. Mein handgepflückter Spinat kommt aus einer kleinen Gärtnerei hier
im Ort. Da steckt ’ne Menge Arbeit und Sachverstand drin, aber keine Pestizide. Der Geschmack versetzt mich in einen Rausch und ich sehe grüne Farbe.
Nicht in irgendeiner Halluzination und nicht auf einer Verpackung, sondern auf dem Teller. Wer hätte je
gesehen, dass Tiefkühlspinat grün ist? Und wer könnte sagen, wie der überhaupt
schmeckt?
Die zarten Pflänzchen blanchiere ich zusammen mit ein paar
Knoblauchzehen und schwenke beides danach in Olivenöl aus Nizza. Dazu gibt es
handgemachte Tagliatelle, die ich aus Baguettemehl und sizilianischem
Hartweizengrieß von bon’gu hergestellt habe. Ich brauche kein Heilsversprechen
durch Vitamine, die ich nicht sehen kann, wenn ich dafür etwas Frisches auf dem
Teller habe. Das Ganze ist so rein, dass es fast schon als Clean durchgehen kann, also frei von Sünde nach heutigem Zeitgeist. Doch mein Essen ist nur Essen. – Es soll gut schmecken und mich satt machen. Religiöse
Erbauung suche ich mir woanders.

Tagliatelle mit frischem Spinat | pastasciutta.de
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