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Internationale Kinderveralberung


Früher wurden Kinder einfach viel mehr veralbert. Anders kann ich mir die Sache mit meinem ersten Kochbuch nicht erklären. Meine ganz persönliche Schmach bestand schon darin, dass ich gar nicht kochen durfte, als ich ein Kind war. Meine Mutter konnte ich allein mit der Frage, ob ich etwas in der Küche machen dürfte, schon zum Ausrasten bringen. Dann schenkte mir irgendwer dieses Kochbuch. Als Kind habe ich mir sehr oft die Bilder angesehen und in den Rezepten gelesen. Das Buch gab mir Rätsel auf. Ich habe es einfach nicht verstanden.

„Spaß am Kochen und Backen“ von Ursula Sedgwick ist ganz offensichtlich ein Buch, das aus dem Englischen übertragen wurde, um Kinder fertig zu machen. Meine Ausgabe trägt einen Copyrightvermerk von 1977 für die deutsche Fassung und ist im Tessloff Verlag, Hamburg, erschienen. Man muss sich in diese Zeit zurückversetzen, um zu verstehen, was damals so verwirrend war.

Wer kam bitteschön auf die Idee, in den Siebzigern englische Kochbücher zu übersetzen? Da konnte Jamie Oliver nichtmal einen Kochlöffel halten!  Ein Foto zeigt Muffins in Papierförmchen und das dazu gehörende Muffinsblech. Sowas hatte ich als Kind noch nie gesehen. Konnte man sowas 1977 in Deutschland kaufen? Wie sollte ich also darauf kommen, dass mit dem Rezept für „Rosinenbrötchen (England)“ dieses Bild gemeint war? Nach den Angaben ist es möglich, aus „1 – 2 Teel. Teig“ in jeder „Backform oder  Papierschale“ ein ganzes „Rosinenbrötchen“ zu bekommen. Das Backpulver muss man wohl im Supermarkt von Harry Potter kaufen.

Die vorhergehende Seite zeigt „Marmorkuchen (Österreich)“. Das Land wird zusätzlich durch ein gezeichnetes Männlein mit einem Alphorn dargestellt. Der Kuchen besteht aus drei Farben: helle Kuchenfarbe, Schokoladenbraun und Rosa. Damals habe ich in jedem Supermarkt nach roter Speisefarbe gesucht. Als ich mit 13 Jahren zum ersten Mal nach England fuhr, gehörte flüssige rote Speisefarbe zu den ersten Sachen, die ich von dort mitnahm.

Aus 90 g Butter, 90 g Puderzucker und 1 Tl. Pulverkaffee mit 2 El. heißem Wasser wird auf wundersame Weise „Schokoladenglasur“, die auch in dieser Menge ausreicht, um einen ganzen „Amerikanischen Teufelskuchen“ üppig und wolkenartig zu überziehen. Das Bild liefert den Beweis.

Beim Thema Sandwiches, also „Belegte Brote“ schwingt sich der Übersetzer zu ungeahnter Kreativität auf: „Dreidecker (USA)“ und „Gefülltes Brötchen (England)“ heißen die Stullen, die hierzulande damals noch vollkommen exotisch waren. Sehr schön ist auch „Zuppa Pavese (Brühe mit verlorenem Ei aus Italien)“. Wurde das Ei in Italien verloren? 

Wenn ich mir die Rezepte heute so ansehe, kann ich gut verstehen, dass meine Mutter mich nicht mit dem „Käse-Soufflé (Frankreich)“ von Seite 37 in die Küche lassen wollte.


10 Antworten zu “Internationale Kinderveralberung”

  1. Ich durfte als Kind auch noch nicht richtig kochen, ich hatte auch kein eigenes Kochbuch, nicht mal ein unbrauchbares. Dafür habe ich sehr gern in Mutters blauem Dr. Oetker Backbuch geblättert. Ich finde es schön, dass du dieses Kinderkochbuch aufgehoben hast seit damals, obwohl du nichts damit anfangen konntest. Heute sind Kochbücher aus dieser Zeit fast schon wieder Kult.

  2. Ja, das Backbuch von Dr. Oetker ist echt klasse! Normalerweise kaufe ich keine Kochbücher, die ich auch bei meinen Eltern lesen kann. Aber dieses musste ich unbedingt haben. Da sind alle Klassiker drin und es funktioniert absolut idiotensicher.

  3. Ich hatte als Kind auch ein Kochbuch, das lediglich von mir durchgeblättert wurde. Bzw. wurde ein einziges Mal daraus was gekocht, eine Brotsuppe. Richtig kochen gelernt haben in der Kinderzeit vielleicht andere, ich nicht.

  4. Ich habe das Buch gerade bei eBay ersteigert und bin schon total gespannt *freu* Das Original ist schwer zu bekommen, unter dem Titel gibt es noch ein anderes Buch, das nicht für Kinder ist.

  5. Ich werd' mal schauen, was ich nachmachen kann und das Ergebnis bloggen – schlimmer als JOs Menüs kann's ja eigentlich nicht sein *lach*

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